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Der Stimmenimitator (1978)

Diese Sammlung kurzer Prosatexte, die in vielem an die Ende der fünfziger Jahre geschriebenen Ereignisse erinnert, sollte ursprünglich Wahrscheinliches, Unwahrscheinliches heißen. Bernhard bezeichnet sie als eine Zusammenstellung von „hundertvier freien Assoziationen und Denk-Erfindungen“, die „nicht ohne Philosophie“ seien. Die an der Grenze zwischen Authentizität und Fiktion angesiedelten Geschichten wirken häufig wie Zusammenfassungen von Zeitungsartikeln; sie erinnern damit an Bernhards Tätigkeit als Gerichtsreporter.

Neben ungewöhnlichen Justizfällen dominieren im Stimmenimitator absurde, mysteriöse Ereignisse, die nicht selten tödlich enden. Häufig wird plötzlich die Alltagsnormalität auf makaber-komische Weise vom Irrationalen durchbrochen. Manchmal treten Schriftsteller als Hauptfiguren auf, mit denen sich Bernhard ironisch auf sein eigenes Schreiben zu beziehen scheint. Gegen Ende der Sammlung wird an eine Reihe realer, meist unglücklicher Lebensläufe erinnert, z. B. in einer Hommage an die Autorin Ingeborg Bachmann. Andere Prosastücke demontieren Autoritäten aus der internationalen Geisteswelt, indem sie einen genaueren Blick auf ihre persönliche Erscheinung werfen – ein Verfahren, das Bernhard in seiner Literatur mit besonderer Vorliebe anwendet.

Die kurzen, meist auf eine Pointe zulaufenden Texte wirken in vielen Fällen wie Konzentrate typischer Bernhard-Erzählungen und -Stücke. Angesiedelt sind sie hauptsächlich in Bernhards oberösterreichischer Wohngegend, aber auch an einigen seiner Reiseziele, etwa in dem von ihm geliebten Polen, in Portugal oder auch in Kairo.

M.M.