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Der Heldenplatz-Skandal

Eine Rekonstruktion von Martin Huber

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© „Thomas Bernhard Filmdokumente 1976-88“, Videoproduktion Gerhard Spring 2001

Um heute zu verstehen, wie das Stück schon im Vorfeld für solch großes Aufsehen sorgen konnte, muss man sich die politische und gesellschaftliche Situation im Österreich jener Jahre (noch vor dem Fall des sogenannten ˛Eisernen Vorhangs’ und ein knappes Jahrzehnt vor Österreichs Beitritt zur EU) noch einmal vor Augen führen: 1986, als Claus Peymann seine Direktionszeit in Wien beginnt, wird Kurt Waldheim zum Bundespräsidenten gewählt, trotz oder vielleicht sogar wegen heftiger Auseinandersetzungen um sein Verhalten während der Zeit des Nationalsozialismus bzw. seine Rolle im Zweiten Weltkrieg. Aufgrund des Wahlausgangs tritt Bundeskanzler Fred Sinowatz zurück, Franz Vranitzky wird sein Nachfolger. Die Regierung setzt eine internationale Historikerkommission ein, diese attestiert Waldheim in ihrem im Februar 1988 vorgelegten Bericht zwar „keine Beteiligung an Kriegsverbrechen“, stellt jedoch fest, dass Waldheims eigene Darstellung lückenhaft und teilweise falsch war. Im September 1986 schließlich wird Jörg Haider auf dem Innsbrucker Parteitag zum Obmann der Freiheitlichen Partei Österreichs gewählt – der Beginn seines Aufstiegs, der ihn schließlich zum Kärntner Landeshauptmann werden lässt und seine Partei bei den Nationalratswahlen im Jahr 1999 auf den zweiten Platz und dann in die Regierung führt.

Das Jahr 1986 wird heute von Historikern als ein Umbruchsjahr im Geschichtsbewusstsein der Österreicher in der Zweiten Republik angesehen. Lange Zeit nach 1945 sah sich Österreich – zumindest in der offiziellen Version – als das erste Opfer Hitler-Deutschlands. Die große Begeisterung vieler Österreicher über den ˛Anschluss’, der Jubel, der Adolf Hitler am 15. März 1938 bei seiner Rede am Heldenplatz entgegenschlägt, ebenso wie die Teilnahme vieler Österreicher an den Verbrechen des Nationalsozialismus wurden dabei geflissentlich ausgeblendet.

Laut Auskunft von Hermann Beil bat Claus Peymann Thomas Bernhard ursprünglich um ein Stück zum ˛Bedenkjahr’ 1988 (50 Jahre „Anschluss“), was dieser allerdings ablehnte und stattdessen vorschlug, an allen damals arisierten Geschäften der Wiener Innenstadt Plakate anzubringen mit der Aufschrift: „Dieses Geschäft ist judenfrei.“ Schließlich schrieb er dann doch das Stück, das zum 100-jährigen Bestehen des Burgtheaters aufgeführt werden sollte.

Trotz aller Wünsche Bernhards und Bemühungen des Verlags, das Stück bis zur Uraufführung unter Verschluss zu halten, erscheint im profil am 1. August 1988 ein erstes Zitat aus Heldenplatz, und zwar als Motto eines langen Artikels von Sigrid Löffler über Tabori, Peymann und Hrdlicka als Beispiel für den „neuen Kulturkampf in Österreich“. Ohne Kontext oder Angabe der Person zitiert sie Ausschnitte von Aussagen Professor Roberts über diese „sogenannten Sozialisten“ und „dieses katholische Gesindel“, „die mit den Nationalsozialisten gemeinsame Sache“ machten. Breitere öffentliche Reaktionen löst dieser Artikel nicht aus, möglicherweise, weil sich auch das ˛politische Österreich’ noch in Sommerferien befindet – es bleibt zunächst bei einem „Vorspiel ohne Folgen“.

Am 19. September berichtet abermals Sigrid Löffler im profil von der Verschiebung des bis dahin für den 14. Oktober geplanten Uraufführungs-Termins für Heldenplatz auf  November und prophezeite zugleich: „Aus dem von Claus Peymann so liebevoll geplanten Skandal wird wohl nichts werden. […] wg. erwiesener Harmlosigkeit von Bernhards Theater-Suada“. Löffler fügt diesem Befund eine Inhaltsangabe von Heldenplatz bei und in einer eigenen Spalte (offenbar damit sich die Leser selbst ein Bild von dessen Harmlosigkeit machen können) mehrere aus dem Zusammenhang gerissene und frei arrangierte Textstellen aus dem Stück.

Der 7. Oktober kann als der Starttermin des eigentlichen Heldenplatz-Skandals angesehen werden, weil sich an diesem Tag in einer abgestimmten Aktion neben der Wochenpresse nun auch die Kronen Zeitung als auflagenstärkste österreichische Boulevardzeitung des Themas annimmt und unter dem Titel „Österreich, 6,5 Millionen Debile“ Textausschnitte aus dem Stück bringt, die sich besonders gut für eine Skandalisierung eignen: die 6,5 Millionen Debilen, Wien als Alptraum, mehr Nazis als 1938, Österreich als geist- und kulturlose Kloake etc. Auf dieser Basis konnte man sich nun ausgezeichnet über ein insgesamt noch immer unbekanntes Stück erregen, wobei sich diese Erregung zunächst in den Zeitungen (zunehmend auch auf den Leserbriefseiten), dann auch in Radio und Fernsehen abspielte.

Bald meldet sich die Politik – vom Bundespräsidenten abwärts – zu Wort, ursprünglich oft von den Zeitungen zu Stellungnahmen aufgefordert, etwa von der Kronen Zeitung, die den Skandal mit Schlagzeilen wie „Steuerzahler soll für Österreich-Besudelung auch noch zahlen!“ anheizt , – und der selbst herbeigeschriebene „Riesenwirbel“ tritt ein. Der einflussreiche Herausgeber der Kronen Zeitung, Hans Dichand, sieht unter dem Pseudonym Cato für den Fall, dass „wir Österreicher uns diese unflätigen Beleidigungen von Peymann und Bernhard gefallen lassen“, Österreich als ein Land, „in dem die Sonne unterzugehen droht“. Es entwickeln sich Subdebatten, etwa, ob ein subventioniertes Bundestheater eine „Österreich-Beschimpfung“ spielen dürfe, oder die Debatte über eine vorzeitige Ablöse Peymanns. Jörg Haider – um den lautesten Politiker jener Jahre herauszugreifen – beweist seine profunden Literaturkenntnisse und fordert (auf Peymann gemünzt): „Hinaus aus Wien mit dem Schuft!“

Die mediale Heldenplatz-Diskussion nimmt solche Ausmaße an, dass nun auch internationale Zeitungen darüber berichten, zunächst naheliegenderweise die deutschen, wo sich z. B. Michael Frank in der Süddeutschen Zeitung wunderte, Wie man eine Groteske ohne Text inszeniert, und zum Resümee kommt: „Im Augenblick jedenfalls müht sich Österreich, die größtmögliche Übereinstimmung der Wirklichkeit mit Bernhards grotesken Texten herbeizuführen.“ Nebenher berichtet Frank in seinem Artikel, man habe „im Zentrum Wiens einen feinen Herrn mit dem Spazierstock nach Bernhard schlagen sehen“, laut Wiener Stadtzeitschrift Falter war der Ort der Handlung die Döblinger Billrothstraße.

Am 14. Oktober weiß der Kurier in der Schlagzeile auf der Titelseite zu berichten „Bernhard: Ich habe mein Stück ˛Heldenplatz’ noch verschärft!“ und beruft sich dabei auf ein am Vortag mit dem Autor geführtes Gespräch, über dessen Zustandekommen in einem eigenen Kasten unter dem Titel So jagten wir Thomas Bernhard berichtet wird. Am 17. Oktober macht das profil mit einer Heldenplatz-Titelgeschichte auf, in der Sigrid Löffler eine vorläufige Bilanz des ˛Heldenplatz-Skandals’ zieht, die sie mit einer Serie von rhetorischen Fragen einleitet: „Ward je einem Dichter ein solcher Allmachtsrausch beschert? / Hat je ein Autor zu seinem Größenwahn erleben dürfen, daß sich ein ganzes Land aufs Wort seinen finstersten Phantasien anverwandelt?“ Österreich führe sich auf, so ihr Resümee, als sei es eine Bernhard-Inszenierung: „Tatsächlich: Thomas Bernhards ˛Heldenplatz’ ist in der Vorwoche uraufgeführt worden. Ganz Österreich ist die Bühne, alle Österreicher sind Komparsen, die Hauptdarsteller sitzen in der Hofburg und am Ballhausplatz, in den Zeitungsredaktionen und in den Parteizentralen.“

Am Tag der Uraufführung erscheint die Kronen Zeitung mit der Schlagzeile: „˛Heldenplatz’-Premiere: Burgtheater heute unter Polizeischutz“; eine Fotomontage zeigt das brennende Burgtheater ergänzt um den Werbeslogan „… uns ist nichts zu heiß!“. Peter Gnam berichtet unter Berufung auf ein Gespräch mit dem Vizepolizeipräsidenten von einem „Großaufgebot an Polizisten in Uniform sowie Kriminalbeamten in Zivil“, das aber sehr zurückhaltend agieren wolle: „Zurückhaltung ist deshalb angebracht, weil sich ein halbes Dutzend ausländischer TV-Kamerateams angemeldet hat, ˛die natürlich ihre Sensation wollen’ […] ˛Antisemitische Äußerungen vor und im Burgtheater bei dieser Premiere – auf das warten doch TV-Teams aus dem Ausland’, gibt man sich bei der Polizei besorgt.“ Peter Sichrovsky fordert im Standard: „Stürmt den Heldenplatz!“, weil er in Bernhards Theaterstück die Juden missbraucht sieht, und erinnert daran, dass in Frankfurt die Aufführung von Fassbinders Die Stadt, der Müll und der Tod erfolgreich verhindert worden sei.

Zusammenfassend und im Rückblick kann also wohl mit Fug und Recht festgestellt werden: Noch bevor die Uraufführung auch nur begonnen hatte, hatte ein Großteil des Stücks Heldenplatzskandal  bereits stattgefunden, hatten sich viele bereits „zur Kenntlichkeit entstellt“ (Wendelin Schmidt-Dengler).

Am Abend des 4. November 1988 hebt sich dann aber tatsächlich der Vorhang zur Uraufführung von Heldenplatz. Nach der durch Zwischenrufe immer wieder gestörten Uraufführung entwickelt sich „vor laufenden TV-Kameras eine wahre Schrei-, Pfeif- und Applausschlacht“. Zum Schluss kommt sogar Thomas Bernhard auf die Bühne  – Claus Peymann im Rückblick über diesen denkwürdigen Premierenabend und den (wie sich dann herausstellen sollte) letzten öffentlichen Auftritt Thomas Bernhards: „Wir haben ˛Heldenplatz’ gegen alle Widrigkeiten, gegen eine aufgehetzte, aufgepeitschte Öffentlichkeit zur Premiere gebracht. […] Aber die Schauspieler haben uns im zweiten und dritten Akt zu einem ungeheuren Sieg verholfen. Für den schon vom Tod gezeichneten Dichter Thomas Bernhard war der Premierentriumph ein letztes großes, beglückendes Geschenk. […] Ich erinnere mich nur noch an diesen Applaus nach der Premiere, der Gott sei Dank lang genug war, durch die anhaltenden Pfui-Konzerte und Gegenchöre. Für den kurzen Weg von meinem Büro hinunter auf die Bühne […] haben wir fast sechs Minuten gebraucht. Er konnte einfach nicht mehr so schnell gehen. ˛Heldenplatz’ war ein Abschied.“

© Neue Kronen Zeitung