Johannes Freumbichler  Die Großväter  Hedwig Stavianicek  Entscheidende Menschen​                                                                                                

Johannes Freumbichler

Johannes Freumbichler
© Fotoarchiv Thomas Bernhard

„Er war mein großer Erklärer, der erste, der wichtigste, im Grunde der einzige“, schreibt Thomas Bernhard über seinen Großvater, den Schriftsteller Johannes Freumbichler (Ein Kind, 1982). Auch hinter seinen Männerfiguren stehe meist der „Großvater mütterlicherseits“, betont er im Filmmonolog Drei Tage (1970). Tatsächlich bildet die wichtigste Bezugsperson aus Bernhards frühester Lebenszeit in vielen seiner Texte das Vorbild für exzentrische, patriarchalische Künstlerfiguren und am Rande der Gesellschaft stehende „Geistesmenschen“.

Johannes Capistran Freumbichler wird am 22. Oktober 1881 in einer Bauern- und Krämerfamilie in Henndorf am Wallersee geboren. Wie später sein Enkel bricht er die Schule ab und beginnt zunächst ein rastloses Leben in Sachsen, Thüringen, der Schweiz (Basel), Südtirol (Bozen und Meran) sowie Bayern (Bad Reichenhall und München). Ab 1902 ist die Lebensgefährtin und spätere Ehefrau Anna Bernhard (geb.1878) an seiner Seite. Sie verlässt ihren ungeliebten Ehemann und zwei Kinder in Salzburg. Mit Freumbichler hat sie drei Kinder, von denen Herta (geb. 1904 in Basel, Thomas Bernhards Mutter) und Harald Rudolf, genannt Farald (geb. 1910 in München), das Erwachsenenalter erreichen.

Zwischen 1913 und 1935 lebt Freumbichler mit seiner Familie in Wien. Während Anna und später auch Herta Bernhard als Haushälterinnen und Kinderbetreuerinnen für den Lebensunterhalt sorgen, bemüht er sich wenig erfolgreich um die Veröffentlichung seiner literarischen Arbeiten. Der Eheroman Julia Wiedeland (1911) und der Bauernroman Eduard Aring (1918) bringen nicht den ersehnten Durchbruch, die meisten Texte bleiben ungedruckt.

Nach Jahren größter Not übersiedelt die Familie, in der seit 1931 auch Thomas Bernhard lebt, 1935 zurück in den heimatlichen Flachgau, nach Seekirchen. Dort gelingt mit dem „Salzburger Bauernroman“ Philomena Ellenhub (1937) endlich ein erster Erfolg. Carl Zuckmayer unterstützt die Publikation des Texts, nachdem ihn seine Frau Alice Herdan umfassend redigiert hat. Im selben Jahr erhält Freumbichler einen Förderungspreis im Rahmen des Österreichischen Staatspreises für Literatur. 1938 erscheinen die Geschichten aus dem Salzburgischen sowie der Abenteuerroman Atahuala oder Die Suche nach einem Verschollenen.

Von 1939 bis 1946 lebt das Ehepaar Freumbichler (1938 war die zuvor aus ökonomischen Gründen unmögliche Heirat erfolgt) in Traunstein/Bayern. 1942 wird der Roman Auszug und Heimkehr des Jodok Fink zum auflagenmäßig größten Erfolg, weil er gezielt zum Versand an Frontsoldaten verteilt wird. 1946 übersiedelt die Familie nach Salzburg. Bis unmittelbar vor seinem Tod arbeitet Freumbichler unbeirrbar an seinen Dichtungen, etwa an dem unpubliziert gebliebenen Roman Eling. Das Tal der sieben Höfe.

Freumbichler stirbt am 11. Februar 1949 im Salzburger Landeskrankenhaus, nachdem eine innere Erkrankung nicht rechtzeitig erkannt worden war. Im selben Jahr erhält er ein Ehrengrab der Stadt Salzburg; im Stadtteil Parsch befindet sich der „Johannes-Freumbichler-Weg“. Dennoch ist sein Leben und Schaffen vor allem durch die lebenslange literarische Auseinandersetzung seines Enkels in Erinnerung geblieben.

M.M.

Lebensdaten

1881

Geburt in Henndorf.

1895

Aufnahme in die k.k. Staats-Oberrealschule in Salzburg, Unterkunft im Katholischen Schülerheim (wie später Thomas Bernhard).

1902

Anmeldung am Technikum in Altenburg (Sachsen).

1903

Anmeldung an der Hochschule für Elektrotechnik in Ilmenau (Thüringen), Beginn des Briefwechsels mit der verheirateten Anna Bernhard, Besuch in den Weihnachtsferien, Plan einer gemeinsamen Flucht.

1904

Beginn des Zusammenlebens; Tochter Herta, Thomas Bernhards Mutter, wird geboren.

1911

Freumbichler und seine Familie ziehen in die Nähe von München, Publikation des Romans Julia Wiedeland.

1913

Aufenthalt in Bozen: Ausheilung einer beginnenden Lungentuberkulose. Übersiedlung nach Wien.

1914

Anstellung als Schreibkraft bei der Gemeinde Wien (bis 1916).

In den folgenden Jahren immer wieder Erkrankungen, Spitalsaufenthalte, extreme Not. Anna Bernhard arbeitet als Haushälterin und Kinderpflegerin, Herta unterstützt den Vater durch Geldzuwendungen aus ihrer Arbeit als Serviererin, Hausgehilfin und Köchin.

1931

Herta Bernhard bringt in der Entbindungsanstalt für ledige Mütter in Heerlen (Niederlande) den Sohn Thomas zur Welt; nach einigen Monaten kommt das Kind nach Wien zu den Großeltern.

1935

Übersiedlung der Familie nach Seekirchen am Wallersee (Salzburg), Begegnung mit Carl Zuckmayer. Alice Zuckmayer redigiert mit Freumbichler das Manuskript des von mehreren Verlagen abgelehnten Romans Philomena Ellenhub.

1937

Publikation der Philomena Ellenhub  durch Vermittlung von Carl Zuckmayer beim Zsolnay Verlag Wien.
Freumbichler wird für den Roman mit einem Förderpreis im Rahmen des Österreichischen Staatspreises für Literatur ausgezeichnet.

1938

Weitere Publikationen: Geschichten aus dem Salzburgischen und der Roman Atahuala oder Die Suche nach dem Verschollenen. Heirat mit Anna Bernhard.

1942

erscheinen die Erzählung Die Reise nach Waldprechting und der autobiographisch grundierte Roman Auszug und Heimkehr des Jodok Fink.

1946

übersiedelt die inzwischen große Familie nach Salzburg in eine Dreizimmerwohnung, Freumbichler beansprucht ein Zimmer für sich allein.

1949

Freumbichler im Landeskrankenhaus Salzburg, zwei Tage vor seinem Enkel Thomas Bernhard, wo er am 11.Februar stirbt.

1950

Publikation des Artikels Vor eines Dichters Grab von Niklas van Heerlen (Pseudonym für Thomas Bernhard) im Salzburger Volksblatt. Tod der Mutter Herta Bernhard

1952

erscheinen die Mundartgedichte Rosmarin und Nelken, der Roman Eling. Das Tal der sieben Höfe bleibt unveröffentlicht.

1965

Tod von Anna Freumbichler in Salzburg.

 

Aus den Notizbüchern von Johannes Freumbichler

„Ein unbeschreiblicher Zustand: Einen inneren unwiderstehlichen Drang zu arbeiten, zu ringen mit meinen künstlerischen Vorwürfen – und vor Sorgen, Kummer, Armut nicht zu können! Dies erzeugt ein Leiden!! das ich nicht schildern kann.“

„Ich muß in einen Wahnsinn verfallen – oder ich bin verloren!! Um nichts mehr kümmern und Tag und Nacht an meine Projekte denken.“